Buen Vivir – Mutiges Verfassungskonzept droht zu scheitern

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Seit etwa zwei Jahren berichte ich hier über das Gute Leben oder wie es im Spanischen heißt: „Buen Vivir„.  Das Gute Leben bedeutet für jeden Menschen wahrscheinlich etwas anderes. Insbesondere in unserer deutschen  Kultur und Lebensform bedeutet es für viele Menschen finanzieller Reichtum. Geprägt wurde der Begriff hauptsächlich in den südamerikanischen Ländern Perú, Bolivien und Ecuador. Wo er auch in der ecuadorianischen Verfassung seit 2008 verankert ist. Der Begriff hat dort eine andere Bedeutung. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt gesellschaftlicher Organisation, sondern der Umgang mit der Natur und den Ressourcen. Langfristiges Ziel des Konzepts: Eine nachhaltige und solidarische Gesellschaft, die sich im Idealfall selbst versorgt.

Leider verstößt die Regierung jedoch gegen viele der selbst festgelegten Prinzipien. Dies durfte ich während meines Auslandsjahres in Ecuador am eigenen Leib erfahren. Mehrfach habe ich zur Problematik berichtet mit der die Bewohner des Intag-Tals konfrontiert werden.

Heute stelle ich Euch einen Bericht von Johannes Süßmann vor, der das ganze noch einmal sehr gut zusammenfasst:

„Buen Vivir“ – das „gute Leben“: Auf diese Vision verpflichtete sich Ecuador 2008 in einer neuen Verfassung. Die Regierung verstößt jedoch gegen viele der selbst geschaffenen Prinzipien.

Es sollte die ganz große Alternativlösung sein – ein neuer, dritter Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Das Prinzip des „Buen Vivir“ („Gutes Leben“), zu dem sich die Ecuadorianer in ihrer neuen Verfassung von 2008 bekannten, sollte aufräumen mit der Mär vom ewigen Wirtschaftswachstum, mit der fortschreitenden Ausbeutung der Natur, den Auswüchsen des Kapitalismus und der klassischen Entwicklungspolitik.

Nicht der Mensch sollte mehr im Mittelpunkt gesellschaftlicher Organisation stehen. Er sollte sich wieder eingliedern in den größeren Zusammenhang der Natur und ihrer Ressourcen. Langfristiges Ziel des Konzepts: Eine nachhaltige und solidarische Gesellschaft, die sich im Idealfall selbst versorgt.

Die Realität in Ecuador mit seinen knapp 16 Millionen Einwohnern sieht anders aus: „Die Regierung hat das ‚Buen Vivir‘ seines Inhalts beraubt und es in ein Machtmittel verwandelt, das von Zeit zu Zeit zu propagandistischen Zwecken eingesetzt wird“, sagt Alberto Acosta. Der 67 Jahre alte Ökonom und Ökologe schrieb maßgeblich mit an der Verfassung von 2008. Unter dem damals frisch gewählten Präsidenten Rafael Correa war er Bergbauminister.

Staat bricht mit Vorsätzen

Heute geht Acosta mit der Regierung hart ins Gericht. Sie fördere die Erdölproduktion und große Bergbauprojekte, sie forciere die Exporte, vor allem durch Agro-Business und Großplantagen – all das widerspricht der Theorie des „Buen Vivir“ fundamental.

Eine Säule des Konzepts, das seine Wurzeln in den Traditionen der indigenen Andenvölker hat, ist seine Etablierung von unten – ausgehend von den Kommunen. Kleinbauern sollen gefördert und möglichst von den großen Märkten entkoppelt werden, um Selbstversorgung und -organisation zu ermöglichen. Weitere Pfeiler sind eine nachhaltige Energieversorgung, eine Gesellschaft, die Vielfalt anerkennt und lebt und – natürlich – der Respekt vor der Natur.

Realisierung von Oben herab

Für Philipp Altmann, Soziologieprofessor an der Zentraluniversität in Ecuadors Hauptstadt Quito, klingen die Ideen des „Buen Vivir“ wie „wunderschöne Poesie“. Heute resümiert er: „Die konkreten Mittel, wie genau das eigentlich umgesetzt werden soll, waren schon in den ersten Jahren nicht besonders klar.“ Das Hauptproblem sieht er in dem Versuch, die wohlklingenden Ideen – anders als vorgesehen – von oben herab zu installieren. Kleinbäuerliche Förderung gebe es zwar, „aber in einem geringen Maß und mit einer problematischen Struktur“.

Präsident Correa unterstütze Projekte zur bäuerlichen Selbstverwaltung nicht, kritisiert auch Acosta. „Und wenn es einmal eine Initiative in diese Richtung gibt, ist sie marginal und dient lediglich der staatlichen Propaganda.“ Das weitaus größere Problem sieht der Ökonom indes im sogenannten Neo-Extraktivismus: Die Ölförderung wird intensiviert, mehr und mehr Mega-Minen zum Abbau etwa von Kupfer entstehen, im Agrarbereich geht der Trend in Richtung Monokulturen und Großplantagen.

Kein Platz für Kleinbauern

Altmann schätzt, dass 15 bis 20 Familien etwa 80 Prozent der ecuadorianischen Wirtschaft kontrollieren. Und Acosta rechnet vor: „Die staatliche Brauerei und Coca Cola Ecuador dominieren 71 Prozent des Getränkemarktes.“ Ein Konzern dominiere 62 Prozent des Fleischmarktes, drei Eigentümer 91 Prozent des Zuckermarktes, zwei Unternehmen den Ölmarkt. Und an diesen Strukturen habe sich – trotz „Buen Vivir“ – unter Correa nichts geändert. Für Kleinbauern bleibt da wenig Platz.

Eine weitere Enttäuschung: Die Verfassung von 2008 galt einst auch deshalb als revolutionär, weil sie als erste ihrer Art weltweit der Natur eigene Rechte einräumt. Die neo-extraktivistische Politik lässt Acostas Fazit erahnen: „Correa tritt die Verfassung mit Füßen, in diesem und in anderen Punkten“, sagt er. „Mehr noch, er hat nie verstanden, was die Rechte der Natur eigentlich bedeuten.“

Ecuador hat wirtschaftlich viel erreicht unter Correa, der 2007 antrat und noch bis Herbst 2017 regiert. Die Armut sank zwischen 2006 und 2014 von 37 auf 22,5 Prozent, die Wirtschaft wuchs im gleichen Zeitraum um durchschnittlich 4,6 Prozent. Doch das Land lebt weiter vom Export, ist abhängig von Öl, Shrimps, Edelmetall und Bananen – und hechelt auch deshalb den hehren Idealen der eigenen Verfassung hinterher.

Quelle: KNA, Autor: Johannes Süßmann

 

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