Von einer anderen Welt und der politische Wandel Ecuadors

Hallo Ihr Lieben,

heute ein weiterer Artikel den ich bereits vor Ort geschrieben habe und einige Bilder der Tour.
Viel Spaß beim Lesen und anschauen.


Janek (Volontär in El Rosal) und ich beschließen eine Intag-Tour zu machen.
Wir starten in Chontal, bei der Finca von Lore. Hiervon habe ich Euch ja schon in einem anderen Beitrag berichtet.
Also geht’s gleich weiter in einem Pick-Up nach Magdalena alto (hoch). Alto deshalb, weil es tatsächlich einige Höhenmeter weiter oben liegt. Bei einer Brücke mitten in einem Wald werden wir abgesetzt. Eigentlich sollte hier ein Guide mit Mulli’s (Mauleseln) auf uns warten, um unser Gepäck entgegen zu nehmen. Denn Los Cedros, wo wir hin möchten, liegt weiter oben im Dschungel. Nach einer halben Stunde ist er immer noch nicht aufgetaucht. Also ziehen wir unsere Gummistiefel an und machen uns auf zum Aufstieg. Mit dem großen Rucksack stellenweise beschwerlich, aber wir gehen langsam. Da kommt auch „schon“ Fausto, unser Guide, mit den Mulli’s.
Wie leicht es sich plötzlich anfühlt ohne Gepäck 🙂 Als ob man schwebt.

Weiter im Wald können wir eine Richtung erkennen, aber es gibt keinen richtigen Weg. Über umgestürzte Bäume, Wurzeln, Steine, Matsch und riesen Stufen watten wir bergauf. Janek muss mir das ein oder andere Mal aus dem Matsch helfen, da ich stecken bleibe und mein Gummistiefel sich festgesaugt hat. Hier ist Gleichgewicht gefragt. Wir befinden uns abseits von jeder Zivilisation mitten im Dschungel. Wenn jetzt etwas passiert, ist keiner weit und breit der helfen kann. Recht abenteuerlich würde ich behaupten 😉 Aber darüber sollte man sich hier wirklich keine Gedanken machen.

Als wir oben ankommen hat Fausto bereits die Mulli’s versorgt und wir werden vom Besitzer der Unterkunft, Jose (ausgewanderter US-Amerikaner), zum Mittagessen erwartet. Noch zwei weitere Volontäre (aus Ecuador und Canada) sind hier. Seit langem genießen wir fast europäisches/nordamerikanisches Essen. Gesättigt und glücklich machen wir uns auf den Weg zum Fluss. Etwa eine halbe Stunde bergab durch den Dschungel. Viele Insekten schwirren um uns und wir bleiben regelmäßig in Spinnweben hängen. Der Boden ist voll von Leben: Spinnen, Ameisen, andere Kriechtiere wie Käfer und nicht identifizierbare Insekten 😉 Man sollte immer etwas aufpassen, dass man nicht gestochen oder gebissen wird, denn einige Tiere sind sehr giftig.

Der zweite Tag fängt mit einem sehr leckeren Frühstück und Vogelbeobachtungen an. Dann brechen Janek und ich alleine zur 6-stündigen Wanderung zum Wasserfall auf. Diesmal bewegen wir uns stellenweise auf allen Vieren vorwärts. Oftmals müssen wir den Weg suchen. Wir verlaufen uns aber nur einmal. Da Janek sehr viel größer ist, hat er es an manchen Stellen leichter und muss mir helfen. Wir überqueren insgesamt 6-mal einen Fluss. Ich muss aufpassen, dass mir kein Wasser in die Stiefel läuft oder ich in den Fluss falle. Alleine ist eine solche Tour definitiv nicht zu empfehlen.

Leider kommen wir gerade einfach nicht mehr weiter. Vor uns befindet sich ein Gestrüpp aus Bäumen und Ästen und darunter Wasser. Enttäuscht müssen wir umkehren. Es gibt keinen anderen Weg. Wie wir später erfahren, waren wir fast am Ziel. Denn insgesamt waren wir fast 6 Stunden unterwegs.

Den Nachmittag entspanne ich in einer Hängematte. Schaue in den Nebelwald und höre den Tieren zu. Es fühlt sich an, als sei ich in einer anderen Welt. Alles ist so unberührt (bis auf die drei Holzhütten in denen wir untergebracht sind. Die man aber kaum wahrnimmt). Die Luft ist etwas feuchter und kühler. Die Nebelwolken lassen jetzt keine Sonne mehr durch. Es regnet leicht.
Die seltenen Brillenbären, braunen Klammeraffen und Jaguare haben wir noch nicht zu sehen bekommen. Viele Vögel allerdings schon. Hier leben auf 1ha so viele Vogelarten, wie sonst nirgends auf der Welt.

Die Organisation Decoin (Defensa y Conservacion Ecologica de Intag) kauft zum Glück immer wieder Regenwald im Intag, um diesen zu schützen. Auch bei der Finanzierung der Gebäude hier, haben Sie geholfen. Immer wieder kommen Volontäre, um für José zu arbeiten und die Region zu unterstützen (http://reservaloscedros.org/).

Heute ist der letzte Tag in Los Cedros. Nach dem Frühstück brechen wir zum zweistündigen Abstieg auf. Zu unserem Nachteil hat es die beiden letzten Tage viel geregnet, so dass wir uns auf eine ordentliche Rutschpartie im Matsch einstellen können 🙂
Schlamm + viele Wasserlöcher = keine gute Kombi
Mehrmals fange ich mich kurz vorm zu Boden gehen. Bei größeren Stufen bin ich wiedermal auf Janek’s Hilfe angewiesen. Der übrigens den Berg runter hüpft, als sei alles normal^^
Die großen Schritte scheinen zu helfen. Mehrmals fluchend, komme ich dennoch heil unten an.
Zu meiner Freude bekommen wir kurz vorm Ziel auch noch eine große Familie Kapuzineraffen zu Gesicht. Die uns bereits gesichtet haben und genauso neugierig beobachten, wie wir sie 🙂

Über Chontal geht es weiter nach Junín. Endlich! Heute lernen wir Javier Ramirez kennen. Ich bin schon ganz aufgeregt. Für mich hat sein Handeln eine große Vorbildfunktion. Viel mehr Menschen sollten so denken und agieren wie er.
Bereits am Nachmittag treffen wir ihn kurz auf unserem Spaziergang. Recht schüchtern begrüßt er uns. Schon jetzt kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass dieser Mann eine Straftat begangen haben soll. Natürlich kann ich mich täuschen, aber ich glaube es einfach nicht. Außerdem sprachen die Zeugenaussagen für ihn. Wir verabreden uns für den Abend bei ihm.

Nach dem leckeren Abendessen bei unserer Gastfamilie, besuchen wir Javier. Wir sitzen zusammen auf einer Holzbank im Hof und in fast völliger Dunkelheit. Das Licht scheint nicht zu funktionieren, wie Javier berichtet. Wobei ich das Gefühl nicht los werde, dass er lieber nicht gesehen werden möchte. Denn wie wir erfahren, leben derzeit viele Mitarbeiter von ENAMI (Ecuadorianisches Bergbauunternehmen) im Dorf.
Javier ist begeistert von unserem Vorhaben. Bedankt sich für unser Interesse. Und für die Aufklärungsarbeit, welche wir leisten.
Ich erkläre ihm, dass wir (Volontäre) in Deutschland freier sind in der Gestaltung unserer Texte, welche wir schreiben. Solange ich in Ecuador lebe, muss ich immer sehr auf meine Worte achten. Da es ansonsten zu Konsequenzen für das ganze Freiwilligenprogramm kommen kann.
Javiers Kampfeswille ist, trotz des Gefängnisaufenthaltes, ungebrochen. Wir reden ein wenig über das Geschehene und die anstehende Revision (ich möchte hier zum Schutz nicht weiter darauf eingehen. Der Prozess ist aber in der Zwischenzeit abgeschlossen worden und Javier ist „endgültig“ frei gesprochen).
Viele Familien haben durch Javiers Schicksal Angst bekommen, dass ihnen auch Gefängnis droht. Sie stehen ihm nicht mehr, wie vorher, zur Seite. Sie nehmen das Geld von den ENAMI-Mitarbeitern an und lassen diese bei sich wohnen. Man weiß nicht mehr wer „Freund“ oder „Feind“ ist. Überall lauert die Gefahr. Javier und seine Familie müssen sich unauffällig verhalten.

Seine Worte haben mich sehr berührt und die Umstände machen mich mehr als traurig. Ich verstehe, dass Familien in Junín wenig Einkommensquellen haben und die Chance des schnellen Geldes nutzen. Jedoch muss keine dieser Familien Hunger leiden und ist nicht auf das „dreckige“ Geld angewiesen. Erst recht jetzt sollten sie Javier beistehen. Nicht den Erpressungen von Staat, Militär und den Bergbauunternehmen klein beigeben.

Ich habe für diese Isolierung kein Verständnis. Umso kleiner die Stimme des Volkes wird, umso größer wird die Macht des Staates. Wir wissen alle wohin das führen kann.
Zum Glück werden seit geraumer Zeit die Stimmen des Volkes in anderen Teilen des Landes größer. Es gab einige Demonstrationen gegen die Regierungspolitik Correas in Quito. Die Menschen sind unzufrieden. Nicht einverstanden mit der aktuellen Entwicklung. Hierbei kam es teils zu erheblichen Ausschreitungen. In den Medien tauchte nichts davon auf. Einzig und allein über die sozialen Netzwerke erfahren die Menschen die Ereignisse. Die Regierung Correas propagiert fleißig weiter im TV und Radio (z.B. in der Werbung der Copa America) wie toll doch alles sei.
Die Kontrolle der Medien verhindert, dass die tatsächlichen Geschehnisse ans Tageslicht kommen. Wenn ich mich mit den hier lebenden Menschen unterhalte, bekomme ich oft zu hören, dass sich Ecuador zu einer Diktatur wandelt bzw. sich bereits in dieser befindet. Ich kann diese Meinung nur bestätigen.

Ein weiteres Beispiel, welches bisher noch nicht einmal wirklich bis nach Deutschland gedrungen ist:
Präsident Rafael Correa unterzeichnete einen Vertrag mit China über die Rückzahlung der Kredite. Im Falle eines Zahlungsausfalls, werden die Galápagosinseln an China abgetreten. So zu sagen als Sicherheit!
Dieses Vorgehen zeigt mir deutlich wie wenig diese Regierung am Schutz ihres Weltkulturerbes und der Natur interessiert ist. Die Galápagosinseln als Sicherheit in einem Vertrag mit China einzusetzen, ist meiner Meinung nach, eine der dümmsten Ideen überhaupt.

Bei vielen Aktionen dieser Regierung können wir/ kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Ich hoffe, dass Ecuador noch die Kurve bekommt, um die Folgen dieser Entwicklung zu mildern.

Hasta luego.

Aufstände, Ausschreitungen
http://www.aljazeera.com/news/2015/08/ecuador-indigenous-lead-anti-government-protests-150813141516932.html
http://abcnews.go.com/International/wireStory/general-strike-paralyzes-ecuadors-capital-33063561

 

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