Eine Reise in die Vergangenheit

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Die Sonne scheint. Die deutsche Nationalmannschaft der Herren ist Fußballweltmeister. Das Thermometer zeigt 31 Grad. Es ist Freitag. Die Sonnenstrahlen wärmen meine Haut. Mir ist sehr warm. Das Gras unter meinen Füßen fühlt sich angenehm an. Die Ruhe ist kurz dahin. Ein Flugzeug fliegt direkt über unser Haus. Das passiert etwa alle 5 Minuten. Nerven tut es mich nicht. Meistens nehme ich es nicht war. Es ist eine Passagiermaschine der Lufthansa AG, wie die meisten hier. In der Provinz Imbabura in Ecuador ist es gerade 8 Uhr. Der Wetterbericht zeigt 12 Grad, 10 % Niederschlag, 77 % Luftfeuchtigkeit, teils bewölkt. Heute soll es bis zu 25 Grad geben und vereinzelt stürmisch sein. Wie mir erzählt wurde ist das Klima in der Region Intag ganzjährig„mild“, trotz einer Höhe von 2100 bis 2500 Metern. Die Nächte können allerdings deutlich kühler sein.

Vorgestern wurde ich von einem Mitglied des INTAG eV angeschrieben. Der INTAG eV und Freundeskreis unterstützen die Menschen vor Ort in ihrem Widerstand gegen internationale Unternehmen und deren Bergbauvorhaben. Der Verein wurde 2008 von ehemaligen Freiwilligen aus Deutschland, die dort an unterschiedlichen Orten lebten und dabei die Region lieben lernten, gegründet. Über die E-Mail habe ich mich sehr gefreut. Es besteht die Möglichkeit, dass ich mich vor meiner Ausreise noch mit einem Mitglied treffe, um über Intag zu sprechen.

Langsam rückt die Ausreise immer näher. Ich merke, dass ich unsicher werde bezüglich meiner Spanischkenntnisse. Am Montag ist der Sprachkurs leider ausgefallen. Deshalb übe ich ein paar Vokabeln. Als ich mit Amparito im Chat schreibe, verstehe ich fast alles und sie mich wohl auch 🙂 Ein wenig beruhigter gehe ich schlafen. Es gibt aber noch einiges zu erledigen vor meiner Ausreise.

Zumindest schaffen Daniel und ich es Marieke in Berlin zu besuchen. Marieke ist eine sehr gute Freundin, die ich im Studium kennen lernen durfte. Das Wochenende in der Hauptstadt ist schön, laut, entspannt und irgendwie ganz anders. Ich, als ehemals bekennende „Dorfliebhaberin“, habe mich ja mittlerweile sehr gut in der „Großstadt“ Frankfurt eingelebt. Berlin ist jedoch noch eine Nummer größer. Ich fühle mich irgendwie nicht richtig wohl. Angekommen am ZOB müssen wir uns erst einmal zurecht finden. Wir suchen die S-Bahn. Beim Abstieg hinunter in den Bahnhof steigt uns ein beißender Geruch in die Nase. Wir wollen nicht wissen woher dieser kommt. Alle Fahrpläne und Karten sind mit Graffiti bemalt. Hoffnungslos etwas zu lesen. Wir finden die Bahn trotzdem. In der Bahn spricht mich ein alter Mann an und fragt neugierig woher wir kommen. Ich unterhalte mich mit ihm, er ist Berliner. Wir verpassen unseren Ausstieg und fahren viel zu weit. Mit einer 3/4 Stunde Verspätung erreichen wir den Treffpunkt. Marieke wartet schon. Wir beginnen das Wochenende mit türkischen Spezialitäten im Park in Berlin-Mitte.

Samstag. Heute haben wir uns vorgenommen das Staatssicherheit (Stasi)-Gefängnis/ Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zu besichtigen. Wieder einmal dauert die Fahrt länger als gedacht. Eine Baustelle nach der anderen übersät die Stadt. Wir sind unaufmerksam und verpassen wieder die Haltestelle. Endlich angekommen. Wir kaufen drei Tickets und verbringen die Wartezeit bis zur Führung mit dem Besuch einer Ausstellung vor Ort. Noch wissen wir nicht was uns erwartet. Kurz nach Beginn der Führung, durch einen ehemaligen inhaftierten DDR-Bürger, befinden wir uns bereits im Jahr 1951 mitten in der DDR.  Wir werden durch die Gänge der Haftzellen im Keller geführt. Ein beklemmendes Gefühl. Nass, feucht, kalt, grau und dunkel. Wir verstehen schnell, dass man uns ja eigentlich nur helfen will. Wir sind selbst verantwortlich, dass wir jetzt hier drinnen sind. Wenn wir hier wieder raus wollen, liegt es nur an unserer Kooperation. Die Stasi und die SED möchten uns nichts böses. Der Kommunismus ist toll. Die physische Gewalt der 1950er Jahre wurde seit den 60er Jahren durch raffinierte psychologische Foltermethoden ersetzt. Über den Ort ihrer Haft ließ man die Insassen bewusst im Unklaren. Systematisch gab man ihnen das Gefühl, einem allmächtigen Staat ausgeliefert zu sein. Von der Außenwelt hermetisch abgeschnitten und von den Mitgefangenen meist streng isoliert, wurden sie durch gut ausgebildete Vernehmer monatelang verhört, um sie zu belastenden Aussagen zu bewegen. Am Ende der Führung steht uns die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Wir sind schockiert, wie leicht es teilweise ist, uns zu manipulieren. Das schlimme wir merken es nicht. Es passiert einfach. Jedoch hat uns die Führung super gefallen. Wir konnten viele Fragen stellen und der Zeitzeuge vermittelte uns verständlich, humorvoll und ernsthaft die Geschehnisse der damaligen Zeit.
Ich hoffe ich konnte Euch einen kleinen Einblick über das Erlebte geben. Wenn Ihr mal in Berlin sein solltet, schaut es auch am besten selbst an.

Hasta la próxima vez.
Besitos Jessica.

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Gerd Klose sagt:

    Hallo Jessica, das ist ein sehr schöner Bericht. Er hat mir so gut gefallen, dass ich ihn gleich 2x hintereinander gelesen habe. Die Ausführungen des alten Mannes in der S-Bahn in Berlin könnte ich noch mit vielen negativen aber auch positiven Erlebnissen meiner bislang über 50 durchgeführten Reisen nach Berlin ergänzen. Allein gut 20x war ich in Ostberlin, das damals noch zur DDR gehörte.
    Ich kann Ihnen gut nachfühlen, wie Ihnen derzeit zumute ist, die Zelte hier abzubrechen und sie in einem ach so weit entfernten und obendrein fremden Land aufzubauen. Ich bewundere Ihren Mut zu dieser Entscheidung und wünsche Ihnen eine glückliche Hand für Ihr Tun. Über eine Nachricht von dort würde ich mich sehr freuen. Ganz viel liebe Grüße und passen Sie gut auf sich auf, Ihr Gerd Klose

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